In meinem letzten Blog habe ich geschrieben: Wer wachsen will, muss Konflikte führen. Heute gehe ich einen Schritt weiter. Denn wer Menschen entwickeln will, bleibt nicht bei sich selbst stehen. Er nimmt Einfluss auf andere. Und genau da wird es anspruchsvoll.

Wenn ich einen Menschen an seine Leistungsgrenze und darüber hinaus begleiten will, verändere ich etwas. Ich fordere. Ich spiegle. Ich halte einen Anspruch hoch, den der andere in diesem Moment vielleicht noch nicht sieht. Das erzeugt Reibung. Und diese Reibung ist nicht das Problem, sie ist der Weg. Aber sie will geführt werden, mit Einfluss und mit Empathie zugleich. Genau in diesem Zusammenspiel entscheidet sich, ob Entwicklung entsteht oder ob ich jemanden nur beeinflusse. Und beides beginnt bei mir selbst, denn wer andere führen will, muss zuerst sich selbst führen.

Leistungskultur beginnt beim Anspruch, nicht beim Druck

Eine echte Leistungskultur entsteht nicht durch Druck. Sie entsteht durch einen hohen, klaren Anspruch, der ehrlich gemeint ist. Menschen wachsen nicht, wenn man sie schont. Sie wachsen, wenn jemand ihnen zutraut, mehr zu können, als sie sich selbst gerade zutrauen.

Das ist für mich der Kern einer Leistungsmentalität, nicht das Optimum verwalten, sondern es abrufen. Und zwar so, dass der Mensch danach nicht ausgebrannt ist, sondern gewachsen. Leistung, die auf Kosten des Menschen geht, ist kurzfristig. Leistung, die den Menschen entwickelt, steigert seine Kapazität dauerhaft.

Sympathie und Empathie sind nicht dasselbe

Hier liegt ein feiner, aber entscheidender Unterschied. Sympathie will, dass es angenehm bleibt. Sie sucht Nähe, Zustimmung und Harmonie. Empathie will verstehen. Sie erfasst, wo der andere steht, was ihn bewegt und was er gerade braucht, auch wenn das unbequem ist.

Wer aus Sympathie handelt, fängt irgendwann an, Dinge zu entschuldigen. Man will die Beziehung nicht belasten, also lässt man Unklarheit stehen. Man mildert eine klare Rückmeldung ab, weil man gemocht werden möchte. Das fühlt sich freundlich an, ist es aber nicht. Denn es nimmt dem anderen die Chance, zu wachsen.

Empathie kann etwas anderes. Sie erlaubt mir, hart in der Sache und weich zum Menschen zu sein. Ich sehe den anderen wirklich und bleibe trotzdem klar. Empathie mit Rückgrat heisst: Ich verstehe dich, und genau weil ich dich verstehe, bleibe ich bei meinem Anspruch.

Einfluss nehmen und beeinflussen sind nicht dasselbe

Der zweite Grat ist ähnlich schmal. Einfluss nehmen heisst, jemanden zu befähigen, seine eigene Klarheit zu finden. Ich gebe Impulse, ich fordere heraus, ich eröffne eine Perspektive. Die Entscheidung aber bleibt beim anderen. Sein Weg bleibt seiner.

Beeinflussen ist etwas anderes. Beeinflussen heisst, jemanden dorthin zu bringen, wo ich ihn haben will. Ich nutze Nähe, Sympathie oder Autorität, um ein Ergebnis zu erzeugen, das mir dient. Das mag funktionieren, aber es entwickelt niemanden. Es macht abhängig statt frei.

Der Unterschied liegt in der Absicht. Nehme ich Einfluss, damit der andere stärker wird? Oder beeinflusse ich ihn, damit ich bekomme, was ich will? Ehrlich beantwortet ist das eine der wichtigsten Fragen der Entwicklungsarbeit.

Der Grat ist schmal, und das Gegenüber spürt den Unterschied nicht immer

Das Schwierige daran: Von aussen sehen diese Dinge oft gleich aus. Empathie und Sympathie können im selben Satz beginnen, Einfluss und Beeinflussung dieselbe Geste tragen. Das Gegenüber unterscheidet in dem Moment oft nicht, was gerade passiert. Es spürt nur die Wirkung.

Deshalb reicht es nicht, es gut zu meinen. Ich muss bei mir selbst klar sein und wissen, aus welcher Haltung ich handle. Genau hier schliesst sich der Kreis zum ersten Blog: Ohne Selbstführung und innere Klarheit ist dieser Grat nicht zu halten.

Gleich behandeln, egal wie nah mir jemand steht

Ich entwickle Menschen in ganz unterschiedlichen Rollen. Als Geschäftsführer, als Vater, als Partner, als Trainer, als Coach, als Teammitglied und als Trainingskollege. Und eine der grössten Herausforderungen ist für mich immer dieselbe: alle gleich zu behandeln. Nicht härter, nur weil die Beziehung eng ist. Nicht sanfter, nur weil ich jemanden schonen möchte. Die Nähe zum Gegenüber verführt dazu, den Massstab zu verschieben, mal nach oben, mal nach unten.

Genau das darf nicht passieren. Und trotzdem geschieht es laufend. Das ist die ehrliche Wahrheit, und genau daran müssen wir arbeiten. Die Kunst liegt nicht darin, es nie zu tun, sondern darin, es früh zu bemerken. Es geht um die Wahrnehmung, wann ich mich in eine Komfortzone verschiebe, und um die Kompetenz, mich sofort wieder in die erforderliche Zone zu bringen. Das ist meine Verantwortung als Entwickler.

Und es gibt eine zweite Verantwortung, die genauso wichtig ist. Ich muss dasselbe Verhalten auch beim Gegenüber erkennen. Ich muss sehen, wann sich der andere in seine Komfortzone zurückzieht, und es schaffen, ihn wieder in die geforderte Zone zu bringen. Denn sobald ich jemanden aufgrund unserer Beziehung anders anfasse, bin ich nicht mehr in der Rolle des Entwicklers, sondern in der Rolle des Freundes, des Vaters oder des Kollegen. Beides hat seine Berechtigung, aber es darf sich nicht unbemerkt vermischen. Deshalb muss ich mir immer wieder aufs Neue versichern, aus welcher Rolle ich gerade handle. Und ich muss die Verhaltens- und Handlungsrichtlinien im Entwicklungssetting bewusst klären, für mich und für den anderen. Nur so bleibt der Anspruch fair und für alle derselbe.

Wer entwickeln will, muss sich selbst entwickeln lassen

Es gibt noch eine Erkenntnis, die für mich untrennbar dazugehört. Wenn ich mich in der Rolle des Entwicklers weiterentwickeln will, muss ich mich regelmässig selbst in die Rolle des zu Entwickelnden begeben. Ich muss mich immer wieder dorthin stellen, wo ich nicht führe, sondern geführt werde.

Nur dort erlebe ich am eigenen Leib, was ich sonst von anderen verlange. Ich spüre, was es wirklich heisst, einem Entwickler das volle Vertrauen zu schenken. Ich merke, wie viel Überwindung es kostet, all out zu gehen und die eigenen Grenzen bewusst zu verschieben, statt in der Komfortzone zu bleiben. Und ich erlebe, wie sich Klarheit anfühlt, wenn sie mich selbst trifft, unbequem, aber befreiend.

Diese Erfahrung verändert, wie ich andere führe. Wer nie in der verletzlichen Rolle des Entwickelten steht, verliert das Gespür dafür, was er dem anderen zumutet. Deshalb gehört das Sich-führen-Lassen für mich untrennbar zum Entwickeln dazu.

Entwicklung braucht Klarheit auf beiden Seiten

Damit ein Mensch seine Leistungsgrenze verschieben kann, braucht es Klarheit auf beiden Seiten. Der Leistungserbringer braucht Eigenführung. Er muss lernen, in der Spannung bei sich zu bleiben, statt auszuweichen. Und ich als Entwickler muss ebenso klar sein. Ich muss meinem Anspruch vertrauen und dem anderen zutrauen, dass er ihm gewachsen ist.

Nur aus dieser doppelten Klarheit entsteht echtes Vertrauen. Und nur aus Vertrauen entsteht die Bereitschaft, wirklich alles zu geben. Wer sich sicher fühlt, ohne geschont zu werden, ruft sein Optimum ab. Das ist der Moment, in dem Einfluss und Empathie zusammenwirken: Ich fordere dich, weil ich an dich glaube, und ich sehe dich, während ich dich fordere.

Schlussgedanke

Menschen weiterzubringen ist kein weicher Prozess und kein harter. Es ist ein klarer. Empathie ohne Anspruch verkommt zu Sympathie und schafft Unklarheit. Anspruch ohne Empathie wird zu Druck und schafft Widerstand. Erst zusammen tragen sie.

Und beides steht und fällt mit der Selbstführung. Lead Yourself ist nicht nur mein persönlicher Anspruch, sondern die Basis jeder Leistungskultur. Nur wer sich selbst führt, kann Einfluss nehmen, ohne zu beeinflussen, und empathisch bleiben, ohne in Sympathie abzurutschen.

Für Führungskräfte und alle, die andere entwickeln, heisst das: Bleibe empathisch, aber verliere deinen Anspruch nicht. Nimm Einfluss, aber nimm dem anderen nicht die Entscheidung. Und prüfe ehrlich deine Absicht, denn der Grat zwischen Entwickeln und Vereinnahmen ist schmal.

Wer diesen Grat halten kann, bringt Menschen nicht nur einmal an ihre Grenze. Er hilft ihnen, diese Grenze immer wieder neu zu verschieben. Und genau darin liegt der Unterschied zwischen jemanden führen und jemanden wirklich entwickeln.

Der Autor

Name: Arno Solèr

Beruf: Sport Mental Coach

Website: soha-coaching.ch

Motto: Disziplin über Motivation

Arno Solèr hat mit 16 Jahren begonnen den Weg des Karates zu gehen. Dieser Weg ermöglichte ihm sich die körperliche und mentale Stärke anzueignen, die Herausforderungen des Alltags anzunehmen und entsprechende Erfahrungen zu machen, welche regelmässig zu Erfolgen führten.
Als Führungskraft, Trainer und Coach ist seine Haltung von der Eigenverantwortung geprägt, sein Verhalten ist menschenzentriert und sein Anspruch ist die stetige Entwicklung. Die Elemente des Ichigo-Ichie (besondere Moment, gute Gesellschaft, inspirierende Orte, Zeitlosigkeit, Achtsamkeit) sind dabei seine stetigen Begleiter.

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