«Du bist nicht deine Gedanken – aber du kannst lernen, sie zu wählen»
Mit kontinuierlicher Me‑Arbeit erkennst du deine negativen Glaubenssätze, hörst deinen inneren Stimmen zu – und beginnst, sie in stärkende Affirmationen zu verwandeln. Ein kleiner Schritt vor dem Spiegel oder ein Liebesbrief an dich selbst kann der Beginn einer grossen Veränderung sein.
Durch meine Tätigkeit als Dozent an der IPC Akademie in der Ausbildung zum Diplom Mental Coach komme ich immer wieder mit Affirmationen in Berührung. Für viele ist der Begriff vertraut – man denkt an positive Sätze, neu Glaubenssätze die Mut machen und innere Stärke aufbauen sollen. Mich persönlich erinnert dieses Thema jedoch an eine Phase meiner eigenen Persönlichkeitsentwicklung, die mich bis heute beschäftigt. Es war eine Übung, die zu den schwierigsten und zugleich lehrreichsten meines Lebens gehört: der Liebesbrief an mich selbst.
Diese Aufgabe ist nichts, was man einmal erledigt und abhaken kann. Man begegnet ihr kontinuierlich – und jedes Mal überrascht sie aufs Neue, wenn man realisiert, wie tief die eigenen Zweifel sitzen, selbst wenn ein grundsätzlich positives Selbstbild vorhanden ist. Ich erinnere mich gut, wie ich damals mit dem Stift in der Hand vor dem leeren Blatt sass. Statt liebevoller Worte stiegen erst Scham, Zynismus und eine plötzliche Leere in mir auf. Doch genau in diesem Moment begann die eigentliche Arbeit: Ich hörte mich selbst. Ich erkannte, wie hart und kritisch mein innerer Dialog oft war.
Me‑Arbeit als Voraussetzung zur Veränderung
Diese erste Konfrontation ist der Beginn dessen, was ich heute als Me‑Arbeit bezeichne: die ehrliche Begegnung mit sich selbst, das Wahrnehmen seiner eigenen Gedanken, Zweifel und Urteile. Solange wir uns selbst nicht annehmen, stossen positive Sätze auf inneren Widerstand. Wir können uns hundertmal vorsagen: „Ich bin wertvoll“, und doch meldet sich innerlich ein hartes „Stimmt nicht“. Und genau hier liegt der entscheidende Schlüssel zur Überwindung negativer Glaubenssätze: Selbstannahme ist die Voraussetzung.
Bevor neue Affirmationen wirken können, müssen die alten Stimmen gehört, erkannt und innerlich gewürdigt werden. Der Liebesbrief an sich selbst ist deshalb mehr als eine kreative Übung. Er zwingt uns, die eigenen Selbstgespräche bewusst wahrzunehmen – und öffnet die Tür zu stimmigen, fühlbaren Affirmationen.
Warum negative Glaubenssätze so hartnäckig sind
Glaubenssätze sind tief verankerte Überzeugungen über uns selbst und unser Leben. Sie wirken wie unsichtbare Programme, die bestimmen, wie wir denken, fühlen und handeln. Besonders die negativen Glaubenssätze halten sich erstaunlich hartnäckig – und das hat mehrere Gründe, die oft ineinandergreifen.
Unser Gehirn ist von Natur aus auf Sicherheit und Schutz programmiert. Es reagiert deutlich stärker auf mögliche Gefahren als auf Chancen oder Lob. Dieser sogenannte Negativity Bias sorgt dafür, dass ein kritischer Kommentar oder ein enttäuschendes Erlebnis tiefer wirkt als mehrere Komplimente.
Hinzu kommt die Prägung aus Familie und Kultur. Viele von uns sind mit defizitorientierten Botschaften aufgewachsen: „Streng dich mehr an.“ – „Das reicht nicht.“ Ein echtes Lob war selten, und Selbstlob galt schnell als Arroganz. So haben sich über Jahre innere Sätze gebildet, die eher kleinmachen als aufbauen.
Verstärkt wird diese Wirkung durch die innere Wiederholung. Ein Gedanke, der immer wiederkehrt, verankert sich wie eine Spur im Gehirn. Mit der Zeit fühlt er sich wahr an – nicht, weil er richtig ist, sondern weil wir ihn glauben.
Und diese Glaubenssätze wirken nicht nur im Kopf. Sie zeigen sich im Körper, in der Haltung, im Atem. Wer denkt „Ich genüge nicht“, senkt oft unbewusst die Schultern, atmet flacher und spricht leiser. Körper und Geist spiegeln sich gegenseitig, und so entsteht ein Kreislauf, der die alten Überzeugungen noch fester einprägt.
Vom Erkennen zur Umwandlung
Die Überwindung negativer Glaubenssätze ist kein einmaliges Ereignis, sondern ein Prozess. Im Mentalcoaching erfolgt er typischerweise in mehreren aufeinander aufbauenden Schritten, die sich auch selbstständig anwenden lassen.
Am Anfang steht das Bewusstmachen der eigenen Glaubenssätze. Das kann durch Selbstbeobachtung geschehen, durch Schreiben oder im Gespräch mit einem Coach. Ein Satz wie „Ich bin nicht gut genug“ wirkt oft lange nur diffus – bis er einmal ausgesprochen oder aufgeschrieben wird. Darauf folgt das Hinterfragen. Ist dieser Satz wirklich wahr? Gilt er tatsächlich in allen Lebensbereichen, oder entspringt er einer einzelnen, prägenden Erfahrung? Allein dieses bewusste Prüfen schafft bereits eine innere Distanz und öffnet den Raum für Veränderung.
Im nächsten Schritt wird ein Wunschverhalten formuliert. Wer bisher dachte „Ich werde immer übergangen“, kann sich fragen: „Wie möchte ich mich stattdessen verhalten? Wie will ich mich fühlen?“ Aus dieser Selbstreflexion entsteht die Grundlage für die positive Umformulierung – die neue Affirmation. Damit diese Affirmation Wirkung entfalten kann, muss sie stimmig sein. Sie darf nicht zu gross oder unrealistisch wirken, sondern sollte sich innerlich stimmig anfühlen, als könnte ich sie wirklich annehmen.
Und hier kommt Kurt Tepperwein ins Spiel, der 2007 sein vielbeachtetes „Das grosse Affirmationsbuch“ veröffentlicht hat: „Affirmationen, die nicht in Gefühlen verankert sind, sind Luftblasen und Kopfgeburten.“
Er empfiehlt, jede Affirmation auf Freude und Dankbarkeit zu prüfen. Freude zeigt, dass der Satz von Herzen kommt und für mein Leben bedeutsam ist. Dankbarkeit entsteht, wenn ich innerlich spüre, dass dieser Satz mein Leben tatsächlich verändern kann. Fehlen diese Gefühle, bleibt die Affirmation eine Kopfidee – sie berührt mich nicht und entfaltet kaum Wirkung.
Ebenso entscheidend ist der Glaube an die eigene Veränderungsfähigkeit. Tepperwein schreibt sinngemäss, dass wir nichts erreichen können, woran wir nicht glauben können. Alles, woran wir von ganzem Herzen glauben, kann sich im Leben durch Affirmationen manifestieren. Genau hier zeigt sich, warum ich überzeugt bin, dass Me‑Arbeit und der Liebesbrief an sich selbst der erste Schritt zur Überwindung negativer Glaubenssätze sind. Sie schaffen die innere Basis aus Selbstannahme, Vertrauen und den Glauben an sich selbst ohne die keine Affirmation wirklich greifen kann.
Der Hebel der Wiederholung
Eine Affirmation entfaltet ihre Kraft erst durch eine kontinuierliche Wiederholung. Gedanken formen neuronale Bahnen – und je öfter ein positiver Satz gedacht, gesprochen und gefühlt wird, desto stärker verdrängt er die alten Muster. Sie wirken am besten, wenn sie regelmässig laut gesprochen werden, in aufrechter Haltung, mit bewusster Atmung und einem Moment völliger Präsenz.
Wer die Wiederholung zusätzlich mit einer kleinen Bewegung – etwa einem Schritt, einer Geste oder dem bewussten öffnen der Arme – verbindet, unterstützt die Verankerung im Körper. Diese Verbindung von Gedanke, Gefühl und Körperreaktion ist das, was nicht nur im Mentalcoaching als Embodiment bezeichnet wird. So entsteht nicht nur ein Satz im Kopf, sondern ein erlebtes Gefühl von Echtheit, das sich nach und nach in ein neues Selbstbild einprägt.
Mein persönliches Fazit
Die Überwindung negativer Glaubenssätze beginnt nicht mit einem fertigen Satz, sondern mit dem Mut sich selbst ehrlich zu begegnen. Mein erster Liebesbrief an mich selbst war ein „Chnorz“, aber genau dieser Moment war der Beginn eines neuen inneren Dialogs.
Affirmationen sind dann keine leeren Worte mehr, sondern Werkzeuge, die tief im Inneren ankommen und langsam, aber beständig wirken. Mit Geduld, Wiederholung und der Bereitschaft, mich selbst zu sehen, wird aus einem unsicheren Flüstern irgendwann eine Überzeugung, die das Leben spürbar verändert.
Affirmationen – frei nach Tepperwein – werden erst dann lebendig, wenn sie von innen kommen, wenn sie nicht nur gedacht, sondern gespürt und gelebt werden. Mit Geduld, Wiederholung und der Bereitschaft, hinzusehen, wird aus einem leisen Zweifel irgendwann eine ruhige, tragende Überzeugung.
Und vielleicht ist heute genau der richtige Moment, es auszuprobieren. Nimm dir ein Blatt Papier, fang einfach an – und wenn dein erster Satz noch zögerlich ist, lächele und schreib den zweiten gleich hinterher. Jeder kleine Satz ist ein Schritt zu dir selbst.
Der Autor
Name: Martin Rohner
Beruf: Betrieblicher Mentor, Dipl. Mental Coach
Website: rohnercoaching.ch
Motto: «In der Stille liegt die Kraft. Wer innehält, findet den Weg.»
Ausbildner in: Mental Coach
Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten, bedeutet für Martin Rohner, sie dabei zu unterstützen, ihre Ressourcen zu entdecken, Resilienz zu stärken und ihr Potenzial bewusst in die Praxis zu bringen. Als betrieblicher Mentor, Mental Coach und Achtsamkeitstrainer schafft er Räume für Wachstum – sei es in der Ausbildung oder im Coaching – bei beruflichen und persönlichen Veränderungen. In seiner Arbeit legt er deshalb grossen Wert auf eine praxisnahe und lösungsorientierte Begleitung – sowohl als Coach als auch als Dozent in der Weiterbildung. Lernen ist ein lebenslanger Weg, der Erfahrung, Reflexion und achtsame Umsetzung erfordert. Denn oft zeigt sich der nächste Schritt, wenn wir bewusst zu atmen beginnen, innehalten – und erst dann etwas Neues wagen.



