Für viele wichtige Ereignisse im Leben haben wir Übergangsrituale. Nehmen wir als Beispiel die Hochzeit. Mit dem Polterabend wird die Zeit der „Freiheit“ verabschiedet. Symbolisch wird hier oft mit sexuellen Bildern gespielt – der Stripper in der Frauenrunde oder sogar eine Reise ins Partymekka Mallorca, um noch einmal alles zu geben. Das Neue wird mit dem Hochzeitsfest eingeleitet: Unter Zeugen wird die Vereinbarung getroffen, den weiteren Weg gemeinsam zu gehen, und der glückliche Beginn wird mit einem fröhlichen Fest gefeiert.

Auch das Jahresende ist ein guter Moment, um etwas zum Abschluss zu bringen und das Neue zu beginnen. Wenn du jetzt an Neujahrsvorsätze denkst – kein Zufall. Allerdings haben die selten Erfolg, weil sie oft rein auf der Denkebene gewählt werden und wenig mit echter Vorfreude zu tun haben. Die Frage ist also: Wie kann es gelingen?

Ein Beispiel aus meiner Praxis: Eine Coaching-Kundin, nennen wir sie Sara, ist dabei, sich von ihrem Mann zu trennen. Sie haben zwei kleine Kinder, und alles ist kompliziert: die Wohnungssuche, neue Beziehungen, Finanzen, die Verletzungen und Konflikte – und gleichzeitig der Wunsch, als Eltern weiterhin gemeinsam für die Kinder da zu sein. Die Zukunft ist ungewiss, und das Gehirn mag nichts weniger als Ungewissheit.

Psychologisch gesehen kann ein Mensch nicht gleichzeitig festhalten und offen sein für Neues. Wir brauchen einen Abschluss, um:

Kognitive Entlastung (Denkebene)
Belastende Gedanken und mentale Schleifen binden enorme Ressourcen in unserem Gehirn. Durch bewusstes Loslassen entsteht wieder „Arbeitsgedächtnis“, um Lösungsmöglichkeiten wahrzunehmen.

Emotionalen Abschluss
Loslassen ist eine Form der emotionalen Vervollständigung:
Das Nervensystem bekommt das Signal: „Diese Geschichte ist vorbei.“
Erst dann wird Raum frei für etwas anderes.

Körperliche Regulation
Loslassen aktiviert den parasympathischen Anteil des Nervensystems (Vagusnerv).
Der Puls sinkt, die Atmung vertieft sich, und die Aktivität in Amygdala (Gefahrenfokus) und Default Mode Network (Grübeln) reduziert sich.

Erst dann ist das Gehirn in der Lage, Lösungen zu finden, positive Bilder für die Zukunft zu entwickeln und Chancen in der Ungewissheit zu sehen.

Konkret heisst das für Sara:

Denkebene

  • Reflektieren, was die Ursachen für die Trennung waren.
  • Was lief falsch?
  • Was hat zur Entfremdung beigetragen?
  • Welche eigenen Muster oder Überzeugungen spielten eine Rolle?
  • Was gibt es daraus zu lernen und zu heilen für die Zukunft?

Emotionale Ebene
Unverarbeitete Emotionen heilen und integrieren.
Das kann heissen: um die Beziehung weinen und trauern, die Emotionen der Trennung fühlen und die Verarbeitung unterstützen – zum Beispiel durch Aufschreiben, eine Klopftechnik (EFT) oder andere Methoden aus dem Emotionscoaching.

Körperliche Ebene:
Spazieren gehen, Bewegung in gemässigter Form – zu viel kann zusätzlichen Stress auslösen.
Atemübungen wie Herzatmung oder 4-7-8-Atmung.

Sobald Sara in einem Zustand von „Ich kann damit umgehen“ ist, kann der Fokus auf die Zukunft gerichtet werden.

Positive Erwartung für die Zukunft

Positive Erwartung aktiviert das Belohnungssystem.
Es ist nicht einfach ein Gefühl – es ist ein motivationales System.

Neurowissenschaftlich passiert dabei:

Dopamin steigt auf eine gesunde Art, nicht hektisch oder getrieben, sondern zukunftsgerichtet. Dopamin erzeugt:

  • Lust auf Handlung
  • Fokus auf Ziele
  • Energie für den nächsten Schritt
  • Kreative Problemlösung
  • Es entsteht Vorfreude.

Die Wissenschaft nennt das positive antizipierte Emotionen. Sie wirken nachweislich:

  • stresspuffernd
  • motivierend
  • resilienzstärkend
  • Und: Vorfreude ist sofort spürbar – selbst wenn das Ziel weit weg ist.

Für Sara kann das bedeuten:

  • Sich vorzustellen, wie sie ihre Zukunft gestalten möchte.
  • Wie sieht ihre ideale Zukunft aus?
  • Wie sieht sie sich mit ihren Kindern, in der gemeinsamen Elternschaft, vielleicht mit einem neuen Partner?
  • Welche neuen Möglichkeiten entstehen durch die Trennung?
  • Mehr Freundschaften? Ein neues Hobby?
  • Wie würde sich das anfühlen?

Rituale verstärken Übergänge

Menschen verarbeiten Übergänge nicht nur rational, sondern symbolisch-emotional.
Rituale sprechen das limbische System an – dort, wo Veränderung wirklich passiert.

Zum Beispiel: Einen Brief schreiben und verbrennen. Und für die Zukunft ein Bild wählen, das symbolisiert, was sie sich wünscht – und es als Hintergrundbild speichern.

Ein kleineres Beispiel von mir persönlich

Ich bin ein Bewegungsmensch, Sport war immer Teil meines Lebens. Ich fahre Velo, Ski, jogge, schwimme, reite – und mache seit Jahren Krafttraining. Nur das mit dem Krafttraining war so eine Sache. Einmal pro Woche – wenn überhaupt – tauchte ich im Fitnesscenter auf und machte meine Runde. Immerhin. Mein Spruch war: „Ich bin Team Wellness“, und innerlich jammerte ich, wenn ich das Gewicht erhöhen musste. Dass Kraft wichtig für die Gesundheit ist, wusste ich; trotzdem.

Diesen Sommer wurde mir die Absurdität klar: Ich investierte Zeit, aber mit wenig Nutzen und viel „Jömmerlen“. In mir sagte etwas: „Genug ist genug.“ Ich traf eine klare Entscheidung. Ich buchte eine Körpermessung und eine Trainingsbegleitung (mein Ritual) und liess mir ein Programm für Muskelaufbau zusammenstellen. Sobald die Wiederholungen zu leicht wurden, stellte ich das Gewicht hoch. Hatte ich immer Lust? Nein. Machte ich es trotzdem? Absolut.

Als sich die ersten Bizeps-Muskeln zeigten, nahm meine Motivation Fahrt auf – Vorfreude auf mehr Muskeln und mehr Wohlbefinden. Inzwischen gehe ich wenn immer möglich dreimal pro Woche und kombiniere Krafttraining mit Kursen wie Bodytoning und MyPower. Das Trainingsgewicht ist mein Freund, mein Dopaminsystem läuft – ich freue mich auf die Kurse!

Loslassen / Verarbeiten

  • darüber sprechen oder aufschreiben
  • fühlen, trauern, Nähe zu Menschen oder Tieren suchen
  • Atemübungen, Bewegung, Natur

Rituale für den Übergang

  • etwas verbrennen
  • etwas dem Wasser übergeben
  • ein Symbol oder Bild für das Neue wählen
  • einen Satz oder ein Wort auswählen

Vorfreude

  • sich vorstellen, was man möchte
  • das Gewünschte in den schönsten Farben ausmalen
  • sich klare Ziele setzen

Diese Form der Selbstwirksamkeit:
→ Loslassen: „Ich kann beeinflussen, was ich abgebe.“
→ Vorfreude: „Ich kann gestalten, was kommt.“

Wirkt besonders gut bei:

  • beruflichen Veränderungen
  • Abschied & Neuanfang
  • Trennungen
  • Rollenwechseln (Führung, Elternschaft etc.)
  • Überforderung / Burnout-Erholung
  • Lebensphasenübergängen

Wenn das Nervensystem Ruhe findet, kann die Zukunft leuchten. Loslassen beruhigt. Vorfreude aktiviert. Und beides zusammen eröffnet Wege, die vorher unsichtbar waren.

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Der Autor

Name: Beatrice Göldi

Beruf: Coach/ Supervisorin/ Ausbildnerin

Website: beatricegoeldi.ch

Motto: “Be you – be free”

Ausbildnerin: Klientenbezogene Supervision/ Lehrsupervision

Seit über 15 Jahren begleitet Beatrice Menschen in ihrer persönlichen und beruflichen Entwicklung. Sei das in Seminaren, als Trainerin oder im Einzelcoaching. Ihre Herzensthemen sind innere Freiheit und Potentialentfaltung. Also weg von Überforderung, Druck, Stress hin zu jemand der gelassener, mutig, engagiert und ideenreich seine täglichen Herausforderungen meistert, sein Potential mehr und mehr entfaltet und seine Wünsche und Ziele zu verwirklicht.

Kunden auf dem Weg zum Coach, Beraterin und Betrieblichem Mentor zu begleiten, ist für sie eine wunderbare Aufgabe. In einer von Humor und Leichtigkeit geprägten Umgebung werden durch Innenschau Prozesse angeregt, Entwicklungsschritte gemacht und von der Intelligenz der Gruppe zu profitieren ist für alle sehr befriedigend.