Loslassen ist kein mentaler Akt, sondern ein Moment im Körper. Ein tiefer Atemzug der öffnet. Ein Reflex, der nachgibt. Und manchmal er entsteht genau dort – im Übergang zwischen Anspannung und Hingabe – etwas Unerwartetes: Vorfreude. In diesem Blog verbinde ich Kälte und Atem mit Vorfreude über das Loslassen. Ich möchte aufzeigen, warum Grenzen nicht überwunden, sondern verstanden werden dürfen. Und warum Wärme oft genau dort entsteht, wo wir aufhören zu kämpfen.
Loslassen und Vorfreude
Im Winter lässt es sich gut über Kälte sprechen. Vielleicht, weil die Luft klarer ist, vielleicht, weil man ihr nichts vormachen kann. Ich habe vor vielen Jahren zur Kälte gefunden – nicht aus dem Wunsch heraus, Grenzen zu überschreiten, sondern weil ich etwas suchte, das mir ehrlich zeigt, wo ich festhalte. Die Kälte verschönt nichts. Sie fordert nichts ein. Sie steht einfach da, nüchtern und still, und lädt mich ein, mich selbst zu beobachten: den Atem, der stockt; den Brustkorb, der sich hebt; die inneren Sätze, die sich melden wie alte Bekannte. „Ich bin ein Gfrörli.“ „Ich hab immer kalt.“ „Das ist nichts für mich.“
Ich habe diese Sätze früher selbst geglaubt. Und vielleicht haben sie mich damals geschützt. Aber irgendwann wurde mir klar, dass solche Gewohnheitsgedanken weniger über meinen Körper erzählen – und mehr darüber, wo ich mich innerlich festhalte. Loslassen beginnt nicht mit einer Entscheidung. Loslassen beginnt im Moment, in dem der Körper merkt, dass er Spannung nicht mehr braucht. Genau dort geschieht etwas, das ich bis heute schwer in Worte fassen kann: eine feine, fast unscheinbare Bewegung nach innen. Ein Nachgeben. Ein Weiterwerden. Ein Raum öffnen.
Im Wasser zeigt sich dieser Moment deutlicher als irgendwo sonst. Die ersten Sekunden sind immer gleich: der Impuls zu kämpfen, der Reflex, sich zu wappnen, das Gefühl, etwas kontrollieren zu müssen. Aber sobald ich den Atem wieder finde, sobald ich nicht mehr gegen die Kälte drücke, sondern sie in Ruhe wahrnehme, kippt etwas. Die Kälte verliert ihren Stachel. Mein System ordnet sich neu. Der Körper beginnt zu arbeiten, tiefer, wärmer, ruhiger. Es ist ein paradoxes Erleben: Die Wärme kommt nicht zurück trotz der Kälte – sie kommt wegen ihr.
Und genau dort, in diesem Übergang zwischen Anspannung und Hingabe, beginnt für mich Vorfreude. Nicht als Euphorie, nicht als „Ich freue mich so aufs Kaltbaden!“, sondern als ein inneres Aufhellen. Eine Art leiser Zustimmung: „Es tut mir gut. Ich weiss es. Und ich gehe wieder hinein.“ Vorfreude entsteht nicht im Kopf. Sie hat nichts mit Optimismus zu tun. Sie entsteht, wenn etwas in mir frei wird – ein Gedanke, den ich nicht mehr brauche; eine Haltung, die sich löst; eine Spannung, die weicht. Es ist die Energie, die zurückkommt, wenn ich aufhöre, gegen mich anzuspannen.
Loslassen und Vorfreude sind keine Gegensätze, keine nacheinander geschalteten Schritte. Sie gehören zusammen wie Ein- und Ausatmen. Loslassen entlastet, Vorfreude belebt. Und die Kälte ist ein präziser Spiegel dafür. Jeder Einstieg ins Wasser erzählt diese Geschichte neu: die ersten Sekunden, in denen Körper und Geist „nein“ sagen; der Atemzug, der das „nein“ nicht bekämpft, sondern begleitet, das „nein“ annimmt ohne Bewertung; das langsame Einkehren von Klarheit; und dann dieser unaufdringliche Moment von: „Es wird gut.“
Vom Grenzen-Testen zum Grenzen-Verstehen
Auch ich habe angefangen mit dem Kaltbaden, um stärker zu werden. Grenzen zu testen. Ich wollte herausfinden, wie weit ich gehen kann. Am Anfang ging es mir tatsächlich ums Überschreiten – um dieses leise, aber befriedigende Gefühl, es „geschafft“ zu haben.
Doch nach über sieben Jahren mit der Kälte – mit all den Wiederholungen, den feinen Veränderungen im Atmen, den Momenten, in denen ich viel zu früh raus wollte, und den anderen, in denen es plötzlich leicht wurde – merke ich: Es geht um etwas anderes. Und um viel mehr.
Die Kälte zeigt mir Grenzen nicht, damit ich sie überschreite, sondern damit ich sie verstehe. Und je vertrauter ich mit ihr werde, desto klarer spüre ich: Grenzen sind kein Stoppschild. Sie sind ein Raum. Ein Raum, der sich erst zeigt, wenn ich nicht mehr dagegen drücke.
Beim Atmen wird das für mich greifbar. Am Anfang ist alles eng – der Brustkorb, das Zwerchfell, selbst der Gedanke an Tiefe. Aber je mehr ich mich hineinlasse, je mehr ich ausatme, dehne, nachgebe, desto mehr entsteht Weite. Plötzlich gewinne ich Raum. Nicht gegen die Kälte – sondern mit ihr. Und genau dort beginnt der Teil, der mir heute am wichtigsten ist:
Ich wollte damals herausfinden, ob unter der Angst vielleicht etwas anderes liegt. Und genau das habe ich gefunden. Die Kälte hat mich gelehrt, dass Resilienz nicht im Aushalten entsteht, sondern im Anerkennen. Anerkennen, was ist. Anerkennen, was mein Körper mir zeigt. Anerkennen, dass Wärme von innen kommt, wenn ich aussen nicht mehr kontrollieren muss.
Und genau das stärkt mich. Nicht das Überschreiten, sondern das Erforschen. Das Erleben. Das Anerkennen, was da ist. Erst dann kann ich über den Rand schauen und mich fragen: Was liegt über der Grenze?
Und dort entsteht für mich Beziehung. Beziehung zu dem Teil in mir, der zuerst schützt und später vertraut. Beziehung zum Gegenüber – in diesem Fall zum Wasser. Und im Alltag zu den Menschen, die mir begegnen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Die Vorfreude, die bleibt
Vorfreude ist die Konsequenz dieses Anerkennens. Sie ist die stille Gewissheit, dass etwas in mir Platz gefunden hat. Dass ich nicht mehr so eng bin. Dass ich bereit bin – nicht für Leistung, nicht für Heldentaten, sondern für die Möglichkeit, mich selbst neu zu erleben.
Loslassen macht leichter. Vorfreude öffnet. Und vielleicht liegt die wahre Bewegung genau dort, wo wir mit einem tiefen Atemzug in das Unbekannte treten – nicht im Widerstand, sondern im Annehmen. Die Fähigkeit, sich selbst neu zu erleben. Und die Fähigkeit, im Unbekannten keinen Abgrund zu sehen, sondern einen Raum, der sich weitet, sobald wir nicht mehr festhalten – ein Raum, in dem persönliche Entwicklung beginnt.
Der Autor
Name: Martin Rohner
Beruf: Betrieblicher Mentor, Dipl. Mental Coach
Website: rohnercoaching.ch
Motto: «In der Stille liegt die Kraft. Wer innehält, findet den Weg.»
Ausbildner in: Mental Coach
Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten, bedeutet für Martin Rohner, sie dabei zu unterstützen, ihre Ressourcen zu entdecken, Resilienz zu stärken und ihr Potenzial bewusst in die Praxis zu bringen. Als betrieblicher Mentor, Mental Coach und Achtsamkeitstrainer schafft er Räume für Wachstum – sei es in der Ausbildung oder im Coaching – bei beruflichen und persönlichen Veränderungen. In seiner Arbeit legt er deshalb grossen Wert auf eine praxisnahe und lösungsorientierte Begleitung – sowohl als Coach als auch als Dozent in der Weiterbildung. Lernen ist ein lebenslanger Weg, der Erfahrung, Reflexion und achtsame Umsetzung erfordert. Denn oft zeigt sich der nächste Schritt, wenn wir bewusst zu atmen beginnen, innehalten – und erst dann etwas Neues wagen.



