Es gibt Momente, in denen man weiss: So geht es nicht mehr weiter. Und trotzdem macht man weiter. Nicht aus Stärke — sondern weil der Mut fehlt innezuhalten. In diesem Blog schreibe ich über Konflikte, die nicht laut sind. Über den inneren Kampf, den niemand sieht. Und darüber, warum Innehalten manchmal viel Mut braucht!
Der Konflikt, den niemand sieht
Ich erinnere mich gut an den Moment, in dem ich merkte, dass meine Firma nicht mehr zu retten war. Nicht der Tag, an dem ich die letzte Filiale schloss. Sondern der Tag davor. Und der davor. Diese vielen ereignisreichen Wochen, vielleicht gar Monate zuvor, in denen ich es wusste — und trotzdem weitermachte. Der Laden war mein Baby. Ich hatte mit einem tollen Team Filialen in Zürich, Meilen und Horgen aufgebaut. Ich hatte alles gegeben. Und dann kam die Digitalisierung, kamen die grossen Plattformen — und plötzlich stimmten die Zahlen nicht mehr.
Der eigentliche Konflikt war nicht der wirtschaftliche. Der eigentliche Konflikt war innen. Zwischen dem, was ich sah — und dem, was ich sehen wollte. Zwischen dem, was mein Verstand wusste — und dem, was mein Herz noch nicht loslassen konnte. Das ist der Konflikt, über den wir selten sprechen. Weil er keinen äusseren Gegner hat. Weil er nur innen stattfindet — still, unsichtbar, und doch oft sehr laut. Und eigentlich hören wir sie die Frage aller Fragen: Wie lange schaust du noch weg? Ja — seien wir ehrlich — wer kennt sie nicht, diese Stimmen, die dann auftauchen.
Wenn alle Stimmen gleichzeitig reden
Friedemann Schulz von Thun beschreibt in seinem Modell des Inneren Teams, dass wir in schwierigen Situationen nicht mit einer Stimme sprechen — sondern mit vielen. Da ist der Antreiber: „Reiss dich zusammen, du schaffst das.“ Da ist der Zweifler: „Du hast dich verzettelt. Zu viele Filialen. Zu wenig Fokus.“ Da ist der Beschützer: „Lass es ruhen. Noch ein Tag.“ Und da ist — meistens am lautesten — der Kritiker: „Du hättest es früher sehen müssen.“
In meiner Ausbildung zum Coach bin ich diesem Modell begegnet. Und es hat mich seither nicht losgelassen — nicht nur als Werkzeug für meine Klienten, sondern als ehrlicher Spiegel für mich selbst. Denn genau das war meine Realität damals: ein inneres Team, das sich gegenseitig überschrie. Und mitten drin ich, ohne klare Führung mir selbst gegenüber.
Was Schulz von Thun lehrt, ist nicht, diese Stimmen zum Schweigen zu bringen. Sondern sie anzuhören. Jede einzeln. Zu verstehen, was sie schützen will.
Und genau hier — zwischen dem Zuhören und dem Entscheiden — liegt das Innehalten. Welcher Stimme will ich folgen? Wie habe ich sie interpretiert? Wie habe ich auf die anderen Stimmen bereits reagiert — was habe ich ihnen geantwortet? Erst wenn ich das weiss, kann ich eine echte innere Führungsentscheidung treffen. Das Innehalten ist kein Zögern und auch keine Schwäche. Das ist Mut.
Innehalten ist kein Rückzug
Wir verwechseln Innehalten gerne mit Aufgeben. Mit Schwäche. Mit „Ich komme nicht weiter — oder ich habe versagt.“ Innehalten verbinden wir vielfach mit Sand im Getriebe, mit schlechterer Performance.
Aber das Gegenteil ist wahr. Innehalten bedeutet: Ich bin bereit, hinzuschauen. Wirklich hinzuschauen — nicht auf die Situation im Äusseren, sondern auf das, was in mir gerade wirklich vorgeht.
Ein Gedanke, der Stephen R. Covey zugeschrieben wird — in Anlehnung an Viktor Frankl — trifft es für mich auf den Punkt: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum.“
Und genau in diesem Raum beginnt das Innehalten — und mit ihm unsere Selbstwirksamkeit, unsere Selbstführung. Das Innehalten ist eine Entscheidung, kein Zufall. Es ist ein Schritt in die Handlungsfähigkeit.
Aber warum ist diese Entscheidung zum Innehalten so wichtig? Weil wir in Konflikten im Automatikprogramm reagieren — nicht führen. Weil der Kritiker, der Antreiber, der Beschützer in uns das Steuer übernehmen, wenn wir nicht bewusst innehalten. Wer sich selbst führen will, muss diesen Raum zuerst kennen. Und dann — Schritt für Schritt — lernen, ihn zu nutzen. Das ist keine Technik. Das ist eine Haltung. Ich habe diesen Raum damals nicht gefunden. Nicht rechtzeitig. Ich bin zu lange gerannt — im Hamsterrad, begleitet von den vielen inneren Stimmen, die ihre eigene Dynamik mitbringen und mit der Zeit enorm viel Energie kosten.
Und als ich schliesslich stehenblieb — vor einem Scherbenhaufen, mit einer halben Million Schulden — war das Innehalten kein Akt der Wahl mehr. Es war eine Notwendigkeit. Aber es war der Beginn von allem, was danach kam.
Lead Yourself — besonders wenn es wehtut
Selbstführung ist kein Konzept für gute Zeiten. Sie zeigt sich genau dort, wo es wehtut. Wo die inneren Stimmen laut werden. Wo man am liebsten weglaufen würde.
Lead Yourself — unser w1nner Jahresmotto — meint genau das: Wer sich selbst führen kann, braucht keine perfekte Situation. Er braucht Klarheit über sich selbst. Über seine Werte. Und den Mut, innezuhalten — bevor er handelt. Bei mir war es der Entscheid, die Läden loszulassen — und nicht mich selbst. Schulden abzubauen, neu anzufangen, als Coach zu arbeiten. Dafür brauchte es viele Momente des Innehaltens. Die haben sich gelohnt. Haben Raum geöffnet. Selbstführung bedeutet für mich nicht: immer stark sein. Es bedeutet: ehrlich sein. Mit sich. Und dann — Schritt für Schritt — wieder in Bewegung kommen.
Was Konflikte über uns verraten
Konflikte sind unbequem. Aber sie sind nicht zufällig. Sie zeigen uns, wo vieles gleichzeitig wahr ist — und noch nichts geklärt ist. Wo ein Wert auf einen anderen trifft. Wo eine alte Überzeugung auf eine neue Erkenntnis stösst. In diesem Sinne sind Konflikte keine Störung. Sie sind Information. Sie zeigen uns, was uns wichtig ist. Was wir schützen wollen. Was wir loslassen müssen. Und was vielleicht schon lange auf eine Entscheidung wartet. Und genau dort — in diesem Spannungsfeld — melden sich wieder die Stimmen des inneren Teams. Jede hat ihren Grund. Zwischen ihrem Lärm und deiner Reaktion liegt dieser Raum. Du erinnerst dich. Wer lernt, im Konflikt innezuhalten — statt sofort zu reagieren, zu vermeiden oder zu kämpfen — gewinnt etwas Wertvolles: Zugang zu sich selbst. Zu seiner inneren Wahrheit. Und damit zur Basis jeder echten Führung: der Führung der eigenen Person.
Mein persönliches Fazit
Konflikte werden nicht verschwinden. Weder im Beruf noch im Leben. Aber die Art, wie wir mit ihnen umgehen, verändert sich — wenn wir bereit sind innezuhalten. Zuzuhören. Dem eigenen inneren Team Gehör zu schenken, bevor wir entscheiden. Ich habe das auf die harte Tour gelernt. Und ich bin heute dankbar dafür. Nicht für den Scherbenhaufen. Aber für das, was er mich gelehrt hat: dass echter Mut nicht im Kämpfen liegt. Sondern im Innehalten. Im Hinschauen. Im ehrlichen Umgang mit dem, was ist.
Das ist Selbstführung. Das ist Lead Yourself. Das ist Haltung. Und vielleicht ist genau jetzt der richtige Moment — mitten in deinem eigenen Konflikt — innezuhalten. Nicht um aufzugeben. Sondern um zu verstehen, was dieser Konflikt dir sagen will.
Und in diesem Sinne: Bleib mutig. Stell dich dem Konflikt. Halt ihn aus. Halt inne. Und erst dann — handle.
Der Autor
Name: Martin Rohner
Beruf: Mental Coach
Website: rohnercoaching.ch
Motto: «In der Stille liegt die Kraft. Wer innehält, findet den Weg.»
Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten, bedeutet für Martin Rohner, sie dabei zu unterstützen, ihre Ressourcen zu entdecken, Resilienz zu stärken und ihr Potenzial bewusst in die Praxis zu bringen. Als betrieblicher Mentor, Mental Coach und Achtsamkeitstrainer schafft er Räume für Wachstum – sei es in der Ausbildung oder im Coaching – bei beruflichen und persönlichen Veränderungen. In seiner Arbeit legt er deshalb grossen Wert auf eine praxisnahe und lösungsorientierte Begleitung – sowohl als Coach als auch als Dozent in der Weiterbildung. Lernen ist ein lebenslanger Weg, der Erfahrung, Reflexion und achtsame Umsetzung erfordert. Denn oft zeigt sich der nächste Schritt, wenn wir bewusst zu atmen beginnen, innehalten – und erst dann etwas Neues wagen.


