Wenn ich irgendwann einmal meine Memoiren schreiben sollte, würde ich wohl kaum behaupten, ich würde in meinem Leben alles noch einmal genauso entscheiden. Viel spannender finde ich die Frage, was wohl gewesen wäre, wenn ich mich an der einen oder anderen Weggabelung anders entschieden hätte. Nicht aus Reue. Aus Neugier.
Entscheiden heisst, etwas in Bewegung zu bringen
Ich habe Entscheidungen in meinem Leben selten bereut. Oft bin ich einer inneren Stimme gefolgt, manchmal einer Idee, manchmal einem Traum, den ich unbedingt verwirklichen wollte. Nicht alles ist gelungen. Manche Projekte sind gewachsen, andere wieder verschwunden, manches hat mich weitergetragen und manches ist gescheitert. Trotzdem würde ich daraus nicht ableiten, dass die jeweilige Entscheidung falsch war. Denn jede Erfahrung hat etwas hinterlassen: einen neuen Blick, mehr Klarheit, manchmal Demut und oft die Grundlage für einen nächsten Schritt.
Ich denke, meine Freude am Entscheiden hat viel mit Neugier zu tun. Eine Entscheidung setzt etwas in Bewegung, und ich muss nicht vorher wissen, wohin mich jeder Schritt führen wird. Vielleicht entdecke ich etwas, das ich gar nicht gesucht habe, vielleicht ändere ich unterwegs die Richtung und vielleicht scheitere ich auch mit einer Idee. Aber ich habe etwas erfahren und kann daraus weitergehen.
Ein Ja öffnet einen Weg, ein Nein räumt auf.
Mit einem Ja entscheide ich mich für etwas, setze Energie frei und bringe mich in Bewegung. Ein Nein wirkt anders. Es beendet Möglichkeiten, zieht Grenzen und schafft Platz für das, was wirklich wichtig ist. Gerade deshalb kann auch ein Nein befreiend sein: Es schafft Klarheit, hilft mir, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, und verhindert, dass zu viele Optionen gleichzeitig um Aufmerksamkeit ringen.
Beides verändert, was danach möglich wird. Denn jede Entscheidung ist auch ein Aussortieren von Möglichkeiten. Ich kann nicht jeden Weg gleichzeitig gehen. Für mich bedeutet das, nicht nur den Mut zum Ja, sondern genauso den Mut zum Nein zu haben und damit Verantwortung dafür zu übernehmen, worauf ich meine Zeit, meine Aufmerksamkeit und meine Energie richte.
Und trotzdem bedeutet Selbstführung für mich nicht, immer zu wissen, welcher Weg der richtige ist. Sie bedeutet vielmehr, wahrzunehmen, was in mir bereits angelegt ist, Zweifel und Vernunft ernst zu nehmen und irgendwann trotzdem den Mut zu haben, zu entscheiden.
Nicht jede Stimme muss entscheiden
Michael A. Singer beschreibt in seinem Buch Die Seele will frei sein einen Gedanken, der mich dabei stark angesprochen hat. Er unterscheidet zwischen der inneren Stimme, die kommentiert, bewertet, warnt und erklärt, und dem Menschen, der diese Stimme wahrnimmt. Ein Satz ist mir besonders geblieben: «Sie sind die Person, welche diese Stimme hört.»
Für mich liegt darin etwas Befreiendes. Denn wenn ich nicht jede Stimme, die sich in mir meldet, sofort für die Wahrheit halten muss, kann ich ihr zunächst einfach zuhören. Genau das versuche ich manchmal ganz bewusst. Ich lasse den Zweifler zu Wort kommen, der mich vor Risiken warnt. Ich höre dem Realisten zu, der Zahlen, Erfahrungen und Fakten auf den Tisch legt. Und ich gebe auch dem Träumer Raum, der Möglichkeiten sieht, wo andere vielleicht zuerst Grenzen erkennen.
So entsteht fast eine kleine innere Konferenz. Keine dieser Stimmen muss allein recht haben, und keine von ihnen muss allein entscheiden. Aber jede kann etwas beitragen. Gerade dieser Schritt – die Stimmen wahrzunehmen, ohne mich sofort mit einer von ihnen zu identifizieren – hilft mir, innerlich etwas zu sortieren.
Auch danach liegt die Entscheidung nicht automatisch fertig vor mir. Aber oft wird deutlicher, welche Stimme gerade besonders laut ist und was sich darunter schon länger bemerkbar macht.
Vielleicht liegt Intuition genau dort. Nicht als spektakuläre Eingebung und schon gar nicht als Ersatz für Denken. Eher als leise Wahrnehmung, die sich zeigen kann, wenn die anderen Stimmen gehört wurden und etwas ruhiger werden. Ein Ja, ein Nein. Oder vielleicht nur ein Gedanke wie: Probier es aus.
Entscheidungen dürfen reifen
Mel Robbins erzählt in der Einleitung ihres Buches Die LET THEM Theorie von einer schwierigen Lebensphase, in der sie begann, sich mit einem einfachen Countdown aus dem Grübeln ins Handeln zu bringen: 5 – 4 – 3 – 2 – 1 – und los.
Ich mag an dieser Geschichte vor allem den Übergang vom Denken zum Tun. Denn eine Entscheidung bleibt folgenlos, wenn nichts daraus entsteht. Gleichzeitig muss nicht jede Entscheidung sofort fallen. Auch das bewusste Nicht-Entscheiden kann eine Entscheidung sein, dann nämlich, wenn ich mir damit Zeit gebe, etwas reifen zu lassen, statt mich einfach nur vor einer Entscheidung zu drücken.
Diese Zeit finde ich oft im Wald. Dort werde ich langsamer, beobachte mehr und muss nicht sofort zu einem Ergebnis kommen. Eine Idee darf auftauchen, sich verändern, wieder verschwinden oder langsam klarer werden. Nicht alles lässt sich beschleunigen. Wachstum braucht Zeit, bei einer Pflanze genauso wie bei einer Idee oder einer Entscheidung.
Im Wald wird das sichtbar. Etwas beginnt zu spriessen, wächst, verändert sich, verwelkt und macht Platz für Neues. Nichts davon geschieht auf Kommando, und trotzdem ist ständig Bewegung da.
So erlebe ich auch viele Entscheidungen. Manche sind schnell klar und brauchen nur noch den Mut, ins Tun zu kommen. Andere brauchen Abstand, mehrere Anläufe oder schlicht Zeit. Selbstführung bedeutet für mich deshalb nicht, möglichst rasch zu entscheiden. Sie bedeutet, zu spüren, wann es Zeit ist, noch nicht zu entscheiden und wann der Moment gekommen ist, aus Wahrnehmung Bewegung werden zu lassen.
Gerade in diesem Jahr habe ich wieder erlebt, wie lange eine Entscheidung reifen kann, wenn Vernunft, Zukunftsängste und neue Möglichkeiten gleichzeitig um Aufmerksamkeit ringen. Wie daraus für mich ein neues Commitment entstanden ist, erzähle ich in meinem nächsten Blog.
Entscheidungsfreude braucht keine Sicherheit
Vielleicht haben wir manchmal deshalb Mühe mit Entscheidungen, weil wir von ihnen etwas verlangen, was sie uns gar nicht geben können: Sicherheit.
Wir möchten vorher wissen, ob wir richtig liegen, ob der Weg funktioniert, ob sich die Investition lohnt oder ob wir später noch genauso denken werden. Doch viele Entscheidungen zeigen ihren Wert erst, nachdem wir sie getroffen haben.
Entscheidungsfreude bedeutet für mich deshalb nicht, leichtfertig zu handeln. Sie bedeutet auch nicht, jede spontane Idee sofort umzusetzen. Sie entsteht eher aus dem Vertrauen, dass Entwicklung Bewegung braucht und dass ich nicht jeden Schritt im Voraus kennen muss.
Wir entwickeln uns entlang unserer Erfahrungen, wenn wir bereit sind, sie wahrzunehmen, zu reflektieren und daraus wieder neu zu entscheiden. Manches gelingt, anderes nicht. Manchmal erreichen wir ein Ziel, manchmal scheitern wir mit einer Idee und entdecken gerade dadurch etwas, das wir vorher nicht sehen konnten.
Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Sicherheitsdenken und Entscheidungsfreude: Ich muss nicht wissen, wie eine Geschichte endet, bevor ich bereit bin, sie zu beginnen.
Nicht aus Reue. Aus Neugier.
Vielleicht gefällt mir deshalb die Frage nach den nicht gewählten Wegen so gut. Was wäre gewesen, wenn ich mich damals anders entschieden hätte? Welche Menschen hätte ich getroffen, was hätte ich gelernt, welche Orte gesehen, welche Möglichkeiten nie kennengelernt?
Ich stelle mir diese Fragen nicht, weil ich zurück möchte, sondern weil mich interessiert, wohin ein anderer Weg geführt hätte.
Vielleicht beginnt Entscheidungsfreude genau dort, wo Neugier stärker wird als das Bedürfnis nach Sicherheit. Sie schafft Lust, sich einzulassen, auszuprobieren und einen Weg wirklich zu gehen. Und genau darin liegt für mich auch die Freude: im Moment, in dem aus Möglichkeiten Bewegung wird und ich gespannt darauf sein darf, was daraus entsteht. Denn erst mit der Entscheidung beginnt die Erfahrung, auf die ich vorher nur neugierig sein kann.
Diese Haltung erlaubt mir, meiner Intuition zu vertrauen, ohne von ihr Sicherheit zu verlangen. Sie erlaubt mir, einen Weg zu wählen, obwohl andere möglich bleiben. Und sie erinnert mich daran, dass Selbstführung nicht bedeutet, das Leben vorauszusehen, sondern bereit zu sein, es immer wieder neu zu gestalten.
Manchmal sagt Intuition nicht: Das ist der richtige Weg. Manchmal sagt sie nur:
Probier es aus!
Quellen
Singer, Michael A.: Die Seele will frei sein – Eine Reise zu sich selbst. 15. Auflage 2023, Ullstein Taschenbuch, Berlin. Originalausgabe: The Untethered Soul, New Harbinger Publications, Oakland, 2007. Deutsche Erstausgabe 2009 bei Edition Spuren, Winterthur/Schweiz. ISBN 978-3-548-74641-8. Verwendetes Zitat S. 16
Robbins, Mel: Die LET THEM Theorie – Zwei Worte, die dein Leben verändern werden. 13. Auflage, deutsche Erstausgabe April 2025, Wilhelm Goldmann Verlag, München. Originalausgabe: The Let Them Theory, Hay House, Carlsbad/Kalifornien, 2024. ISBN 978-3-442-18065-3.
Der Autor
Name: Martin Rohner
Beruf: Dipl. Coach SCA – Betrieblicher Mentor FA
Website: rohnercoaching.ch
Motto: «In der Stille liegt die Kraft. Wer innehält, findet den Weg.»
Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten, bedeutet für Martin Rohner, sie dabei zu unterstützen, ihre Ressourcen zu entdecken, Resilienz zu stärken und ihr Potenzial bewusst in die Praxis zu bringen. Als betrieblicher Mentor, Mental Coach und Achtsamkeitstrainer schafft er Räume für Wachstum – sei es in der Ausbildung oder im Coaching – bei beruflichen und persönlichen Veränderungen. In seiner Arbeit legt er deshalb grossen Wert auf eine praxisnahe und lösungsorientierte Begleitung – sowohl als Coach als auch als Dozent in der Weiterbildung. Lernen ist ein lebenslanger Weg, der Erfahrung, Reflexion und achtsame Umsetzung erfordert. Denn oft zeigt sich der nächste Schritt, wenn wir bewusst zu atmen beginnen, innehalten – und erst dann etwas Neues wagen.


