Die Macht der Selbstreflektion - IPC Akademie

Die Macht der Selbstreflektion

Mehr Selbstbewusstsein durch Selbst-Bewusst-Sein

Unser Hirn ist ein lustiges Wesen. Über Jahrmillionen entstanden, ist es so etwas wie ein Sammelsurium unterschiedlicher Funktionen und Persönlichkeiten im Unternehmen «Mensch» welche in ständiger Diskussion zueinanderstehen. Zusammen verstehen sich die verschiedenen Charaktere aber auch als Leitungsteam über alles, was im Körper abläuft. Und wie in jedem Vorstand gibt es auch im Unternehmen Mensch, sehr verschiedene Persönlichkeiten, die alle unterschiedliche Meinungen haben über das, was das Unternehmen sich zutrauen kann und wo es in Zukunft hingehen soll. Wer schon mal mit sich selbst über eine Entscheidung gerungen hat, kennt diese verschiedenen internen Meinungen nur zu gut.

Das Führungsteam im Unternehmen «Mensch»

Der operative Chef, die Betriebsleitung, repräsentiert durch das Stammhirn, ist zuständig, dass der Laden läuft, genügend Energie vorhanden ist, der Körper funktioniert, das Überleben gesichert und auf Gefahren blitzschnell reagiert wird. In Notsituationen liegt hier die Obergewalt. Hat die Betriebsleitung auf Notbetrieb geschaltet, fliehen wir in Panik (Stichwort: Massenpanik), schreien unser Gegenüber im Affekt an, oder aber es gar nichts geht mehr (Stichwort: Ohnmacht). Diese drei Ur-Reaktionen werden als Flight-Fight-Freeze bezeichnet.

Dann gibt’s das Risikomanagement, im Fachjargon Limbisches System genannt. Das wird zumeist von der Betriebsleitung angefragt. Auch das entstand schon sehr früh in der Evolution. Es stellt sich bei jedem Reiz von aussen die Frage: ist das gut oder schlecht? Dabei ist es egal, ob der Reiz das schlechte Wetter, die kritisierende Kollegin oder die anstehende Präsentation vor grossem Publikum ist. Das Risikomanagement schaut im Archiv der Erinnerung nach und fragt andere Abteilungen an: Hey, kennt jemand diese Situation schon? Wie haben wir damals reagiert? Ist das potenziell gefährlich?

Dabei ist das Risikomanagement nicht die organisierteste aller Abteilungen, eher ein Haufen Chaoten. Ihre Mitglieder fragen jeden an. Informelle Gespräche laufen mit den Meinungsmachern, diejenigen, die zu allem etwas zu sagen haben es aber doch nicht so recht wissen. Hier kommen Emotionen ins Spiel, unbewusste Erinnerungen werden herausgekramt. Es wird gemutmasst, geahnt, geraten und gedeutet, was der Reiz wohl bedeuten könnte.

Innert kürzester Zeit kommt die Abteilung aber zu einem Votum:

  • Auf der einen Seite der Skala – Grün: Ist die Situation hinlänglich bekannt, z.B. „rote Ampel voraus“, darf das Unternehmen automatisch funktionieren: wir bremsen vor der roten Ampel oder antworten mit «gut!» wenn uns jemand fragt: wie geht es Dir? Nichts, was irgendwie besondere Energie bräuchte. Den Meinungsmachern war es egal.
  • Auf der anderen Seite der Skala – Rot: Bei einem «Achtung, echte Gefahr», wird Alarm geschlagen, alle Energiereserven mobilisiert, das Immunsystem hochgefahren. Der Betriebsleiter wird angewiesen, die gesamte Organisation auf Überlebensmodus vorzubereiten. Die Meinungsmacher verbreiten schlechte Stimmung (z.B. Wut, Angst, Scham) und übernehmen das Ruder.
  • In der Mitte liegt der gelbe Bereich. Kommt das Risikomanagement zu keinem eindeutigen Grün oder Rot, werden die oberen Instanzen angefragt. Der Reiz bzw. die Situation tritt in unser „Bewusstsein“. Dann kommen alle an einen runden Tisch. Die innere Diskussion geht los. Wir beginnen aktiv zu denken, zu schlussfolgern, zu planen, zu entscheiden. Das können kleine Entscheide sein wie: «Welchen Bus nehme ich heute?», «Kaufe ich das rote oder grüne T-Shirt?» Oder aber auch grosse, wichtige Themen. Dann kommen viele Instanzen zusammen und diskutieren.

Wer schon mal in einer Sitzung mit vielen Leuten war weiss, sowas kann lange dauern, und nie können alle zufriedengestellt werden. Aber wenn alle die Möglichkeit haben, zu Wort zu kommen, an der Situationsbewertung mitzureden, mitzuentscheiden und ihre Meinung abzugeben, dann wird auch das Resultat demokratisch von den meisten getragen.

Auf unser Hirn bezogen finden sehr einfach gesagt, solche Diskussionen im Vorstandszimmer unseres Hirns statt. Das befindet sich gleich hinter unserer Stirn. An der Tür steht, Präfrontaler Kortex. Das bedeutet so viel, wie «Bewusstes Denken».

Wie entscheiden wir?

Im Sitzungszimmer mit dem Türschild Präfrontaler Kortex sind dann alle wichtigen Abteilungen vertreten. Nehmen wir das Beispiel einer Entscheidung, ein Jobangebot anzunehmen. Das Angebot ist morgens mit der Post reingeflattert.

Erste Reaktion Betriebsleitung (Stammhirn): „Ooooppppsssss, ein Jobangebot!!!“«Herzschlag und Blutdruck erhöhen!» «Energieproduktion hochfahren», «Alle Mann bereit machen, das könnte auch Gefahr bedeuten.»

Risikomanagement (Limbisches System): «Ui, Stress! Hatten wir schon mal so ein Jobangebot? Nein, keine alltägliche Situation! Die Optimisten jubeln: «Juhu, jemand mag mich! Geschafft! Jetzt werden wir reich!» Die Pessimisten dagegen sind schockiert: «Der Job ist viel zu schwer für uns! Und die viele Arbeit! Muss das sein, schon wieder was zu verändern?» Dazu rumort der Bauch.

Risikobewertung: Dunkelgelb. Versand Einladung zu dringlicher Vorstandssitzung.

Vorstandsitzung im Präfrontalen Kortex:

Anwesend:

Risikomanagement:

  • Permanente Neubewertung der Situation mit direktem Draht zur Betriebsleitung und zu den Meinungsmachern vor der Tür.

Strategie und Planungsabteilung:

  • Was bringt uns der neue Job langfristig? liegt das in meinem Karriereplan?

Personalabteilung:

  • Sind die richtigen Kompetenzen vorhanden?
  • Work-Life Balance gegeben?

Finanzabteilung:

  • Stimmt das Gehalt mit meiner Lebensplanung?

Wettbewerbsabteilung:

  • Was bringt der neue Job meinem gesellschaftlichen Status?

Archiv:

  • Gibt es Daten aus der Vergangenheit, die für/gegen den neuen Job sprechen?

Revision:

  • Haben wir an alles gedacht?

Vor der Tür diskutieren die Meinungsmacher lauthals und versuchen sich immer wieder Gehör zu verschaffen.

Die Vorstandssitzung beginnt. Jeder kommt zu Wort. Der Mensch beginnt, sich selbst gegenüber der Herausforderung zu reflektieren, zu bewerten, zu entscheiden. Die Meinungsmacher vor der Tür werden zwischendurch angefragt. Je nachdem wie sie in die Entscheidungsfindung mit einbezogen werden, gibt es am Ende eine vernünftige Entscheidung.

Wie Coaching die Macht der Selbstreflektion stärkt

Diese menschliche Fähigkeit zu Selbstreflexion, zur Diskussion mit sich selbst, unter Zuhilfenahme dessen was der Bauch uns sagen will, ist unser grösstes und mächtigstes Werkzeug in der Persönlichkeitsentwicklung und in der Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins.

In einer sicheren und vertrauensvollen Beziehung zwischen Coach und Kunde übernimmt der Coach die Rolle des Sitzungsmoderators, des neutralen Managers, der sicherstellt, dass jeder zu Wort kommt, das keiner vergessen wird. So wird der Kunde befähigt, seine Denkprozesse bewusst und konstruktiv ablaufen zu lassen, seine bestehende Wirklichkeit zu hinterfragen und neu zu konstruieren. Der Kunde wird „Sich Selbst Bewusst“, findet Erinnerungen, entwickelt eigene Lösungen und erkennt, was er bereits alles mitbringt, um ein aktuelles Problem selbst zu lösen, in diesem Beispielfall eine Entscheidung zu treffen. Zwischendurch erhält er weitere Impulse vom Coach.

Dadurch entsteht nicht nur ein Sich-Selbst-Bewusstsein, sondern auch Selbstbewusstsein, nämlich das Grundvertrauen in die eigenen Ressourcen und das Wissen, Herausforderungen aus eigener Kraft erfolgreich zu bewältigen. Es kann aber auch dazu führen, dass der Kunde Wege findet, alte Verhaltensmuster abzulegen oder gewisse mentale Fähigkeiten zu entwickeln.

Dies ist ein Prozess, der je nach Komplexität des Themas viel Zeit braucht. Der Kunde lernt dabei viel über sich selbst, es werden neue, nie dagewesene Hirnstrukturen angelegt. Veränderung passiert langsam, aber effektiv. Quickfixes gibt es nicht, weshalb Beratung nie denselben Effekt hat wie Coaching, denn während einer Beratung findet keine Auseinandersetzung mit sich selbst statt.

Jede Begleitung, in der der Kunde seine eigenen Lösungen entwickelt, stärkt die Selbstwirksamkeit und das Vertrauen, aus eigener Kraft neue Situationen meistern zu können.

E Voila: Selbstbewusstsein kommt von Selbst-Bewusst-Sein.

Quellenangaben:
– Mindsight – Die neue Wissenschaft der persönlichen Transformation / Verf. Siegel Daniel J.. – München : Goldmann Verlag, 2012
– … und ständig tickt die Selbstwertbombe. Selbstwertprobleme erkennen und lösen / Verf. Härlich A. Stavemann – Hamburg, Beltz Verlag, 2011

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Die Autorin

Name: Christine Lang

Beruf: Betrieblicher Mentor, Coach, Dipl. Sport Mental Coach

Website: lustauferfolg.ch

Motto: «Hast du dein Hirn im Griff, oder hat es dich im Griff?»

Ausbildner in: Zertifikat Coach, Business Coach, SVEB-Zertifikat Praxisausbilder/in

Christine Lang ist in über 30 Jahren in kleinen, mittleren und grossen Unternehmen sowie internationalen Konzernen die Karriereleiter hochgestiegen. Als betriebliche Mentorin begleitet sie jetzt Menschen in ihren persönlichen und beruflichen Entwicklungen. Gleichzeitig ist sie Sportlerin auf internationalem Level und diplomierter Sport Mental Coach. Ihr Fokus liegt auf der praktischen Nutzung wissenschaftlicher Erkenntnisse für bestmögliche Leistung in Beruf und Sport. Die Themen Leadership durch Selbstreflexion, Visualisierung, Lernen und Stressbewältigung sind nur einige der Themen, in denen sie Wissenschaft mit praktischer Anwendung und eigener, langjähriger Erfahrung kombiniert.