Wenn Kontrolle zur Belastung wird
Während eines Bergsteigerkurses beobachtete ich eine Situation, die mir bis heute in Erinnerung geblieben ist. Zwei Seilpartnerinnen standen vor einer Passage, die beide technisch problemlos bewältigen konnten. Trotzdem fiel es der erfahrenen Person sichtbar schwer, Verantwortung abzugeben. Sie kontrollierte jeden Handgriff ihrer Partnerin und gab laufend Anweisungen. Die zweite Person wurde zunehmend unsicher, obwohl ihr die notwendigen Fähigkeiten eigentlich nicht fehlten.
Was am Berg sichtbar wird, begegnet uns auch im Berufsalltag. Wer Verantwortung übernimmt, kennt die Situation: Eine Aufgabe könnte abgegeben werden, trotzdem landet sie wieder auf dem eigenen Schreibtisch. Nicht weil niemand anderes sie übernehmen könnte, sondern weil es einfacher erscheint, sie selbst zu erledigen. Gerade leistungsorientierte Menschen erleben Delegation deshalb häufig als Herausforderung. Obwohl sie wissen, dass sie nicht alles selbst machen können, fällt es schwer, Verantwortung zu teilen oder Kontrolle abzugeben.
Delegation und Loslassen sind jedoch weit mehr als Führungsinstrumente. Sie sind zentrale Bestandteile von Selbstführung und damit eine wichtige Grundlage nachhaltiger Leistungsfähigkeit.
Warum Loslassen psychologisch so anspruchsvoll ist
Aus psychologischer Sicht ist nachvollziehbar, weshalb Delegation vielen Menschen schwerfällt. Forschung zeigt, dass das Erleben von Einfluss und Kontrolle eng mit Motivation, Wohlbefinden und psychischer Anpassungsfähigkeit zusammenhängt.
Wird eine Aufgabe delegiert, entsteht zunächst Unsicherheit. Das Ergebnis liegt nicht mehr vollständig in den eigenen Händen. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, dass die Aufgabe anders ausgeführt wird als erwartet. Viele Menschen bewerten diese potenziellen Risiken stärker als die möglichen Vorteile. Dieses Phänomen wird in der Verhaltensökonomie als Verlustaversion beschrieben. Mögliche Fehler oder Qualitätsverluste erscheinen subjektiv oft bedeutsamer als die Chancen, die durch Entlastung, Entwicklung oder neue Perspektiven entstehen könnten.
Hinzu kommen individuelle Überzeugungen und Erfahrungen. In Coachings begegnen mir häufig Aussagen wie: «Wenn ich es nicht selbst mache, wird es nicht richtig gemacht» oder «Es geht schneller, wenn ich es selbst erledige». Solche Annahmen wirken oft unbewusst und beeinflussen, welche Entscheidungen Menschen im Alltag treffen. Aus Sicht der kognitiven Verhaltenstherapie spielen genau solche Grundannahmen eine wichtige Rolle dabei, wie Situationen bewertet und welche Verhaltensweisen daraus abgeleitet werden.
Die Herausforderung besteht deshalb häufig nicht darin, neue Delegationstechniken zu erlernen. Vielmehr geht es darum, die eigenen Denk- und Verhaltensmuster bewusst wahrzunehmen und kritisch zu hinterfragen. Die Frage ist jedoch, wie ein solcher bewusster Umgang mit den eigenen Mustern gelingt. Genau hier setzt Selbstführung an.
Selbstführung bedeutet mehr als Selbstkontrolle
Im Alltag werden Selbstführung und Selbstkontrolle häufig gleichgesetzt. Psychologisch betrachtet handelt es sich jedoch um unterschiedliche Konzepte. Selbstkontrolle beschreibt die Fähigkeit, Impulse zu regulieren und zielgerichtet zu handeln. Selbstführung geht darüber hinaus. Manz beschreibt Selbstführung als einen Prozess, durch den Menschen sich selbst beeinflussen, um die notwendige Selbststeuerung und Motivation für ihre Ziele zu entwickeln. Neck und Houghton erweiterten diesen Ansatz und zeigten, dass Selbstführung weit mehr umfasst als Disziplin oder Willenskraft. Sie beinhaltet die bewusste Gestaltung von Gedanken, Aufmerksamkeit und Verhalten.
Selbstführung bedeutet daher nicht, möglichst viel selbst zu machen. Vielmehr geht es darum, die eigenen Ressourcen bewusst einzusetzen und Prioritäten zu setzen. Eine hilfreiche Frage lautet dabei:
«Wo schafft mein persönlicher Einsatz tatsächlich den grössten Mehrwert?»
Diese Perspektive verändert den Blick auf Delegation grundlegend. Die Frage ist nicht mehr, ob ich eine Aufgabe selbst erledigen könnte, sondern ob es sinnvoll ist, meine Zeit und Aufmerksamkeit genau dort einzusetzen.
Mentale Ressourcen gezielt einsetzen
Delegation ist nicht nur eine Frage von Führung oder Zusammenarbeit, sondern auch eine Frage des gezielten Einsatzes begrenzter Ressourcen. Aufmerksamkeit, Selbstregulation und mentale Energie stehen nicht unbegrenzt zur Verfügung. Wer versucht, zu viele Aufgaben gleichzeitig zu kontrollieren, bindet kognitive Kapazitäten, die für strategisches Denken, Lernen oder Erholung fehlen.
Modelle der Selbstregulation betonen, dass zielgerichtetes Handeln davon abhängt, wie Menschen ihr Verhalten, ihre Aufmerksamkeit und ihre Lernprozesse steuern. Auch in der Sportpsychologie gilt Konzentration als die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit gezielt auf relevante Informationen zu richten und Ablenkungen auszublenden.
Dasselbe Prinzip lässt sich auf den beruflichen Alltag übertragen. Wer seine mentale Energie auf zu viele Aufgaben verteilt, verliert häufig an Klarheit. Delegation schafft deshalb nicht nur zeitliche Freiräume. Sie ermöglicht es auch, mentale Ressourcen bewusster dort einzusetzen, wo sie den grössten Beitrag zur Zielerreichung leisten.
Warum Vertrauen Leistung fördern kann
Delegation wird häufig vor allem als Entlastungsstrategie betrachtet. Tatsächlich hat sie jedoch auch Auswirkungen auf Motivation und Entwicklung anderer Menschen. Deshalb schliesst sich an die Frage nach den eigenen Ressourcen direkt eine zweite Frage an: Was wird für andere möglich, wenn ich Verantwortung teile?
Die Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan beschreibt drei psychologische Grundbedürfnisse, die für Motivation und Wohlbefinden zentral sind: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit. Werden Menschen in Entscheidungen einbezogen und erhalten sie Verantwortung, können sie genau diese Bedürfnisse erleben.
Wer Verantwortung überträgt, schafft damit nicht nur Freiräume für sich selbst, sondern eröffnet anderen die Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln, Kompetenzen aufzubauen und Selbstvertrauen zu entwickeln. Delegation bedeutet deshalb nicht, Verantwortung abzugeben. Vielmehr geht es darum, Verantwortung sinnvoll zu verteilen und Entwicklung zu ermöglichen.
Zwischen Einfluss und Kontrolle unterscheiden
Auch wenn Verantwortung sinnvoll verteilt wird, bleibt eine zentrale Herausforderung bestehen: Wir können nicht vollständig kontrollieren, wie andere Menschen Aufgaben umsetzen. Genau deshalb ist es hilfreich, den eigenen Einflussbereich bewusst zu klären.
Stephen Covey unterscheidet zwischen dem Circle of Concern und dem Circle of Influence. Zum ersten Bereich gehören Themen, die uns beschäftigen, auf die wir jedoch nur begrenzt Einfluss haben. Dazu zählen beispielsweise Entscheidungen anderer Menschen, äussere Rahmenbedingungen oder unerwartete Entwicklungen. Im Circle of Influence befinden sich dagegen jene Aspekte, die wir tatsächlich beeinflussen können: unsere Kommunikation, unsere Prioritäten, unsere Entscheidungen und unser Verhalten.
Menschen, die Schwierigkeiten mit dem Loslassen haben, investieren häufig viel Energie in Bereiche ausserhalb ihres direkten Einflusses. Gleichzeitig bleibt weniger Energie für jene Aspekte übrig, die tatsächlich beeinflussbar wären. Selbstführung bedeutet deshalb auch, die eigene Aufmerksamkeit immer wieder bewusst auf den eigenen Einflussbereich zurückzuführen.
Eine Übung für die Praxis: Das Delegations-Experiment
Wählen Sie eine Aufgabe aus Ihrem beruflichen oder privaten Alltag, die Sie aktuell nur ungern abgeben würden. Notieren Sie zunächst spontan:
– Was hält mich davon ab, diese Aufgabe zu delegieren?
– Wovor habe ich konkret Sorge?
– Was wäre das schlimmste realistische Szenario?
Schätzen Sie anschliessend auf einer Skala von 0 bis 100 Prozent ein, wie wahrscheinlich dieses Szenario tatsächlich ist. Delegieren Sie die Aufgabe in den nächsten sieben Tagen bewusst an eine andere Person und beobachten Sie, was passiert.
Reflektieren Sie anschliessend:
– Welche meiner Befürchtungen haben sich bestätigt? Welche nicht?
– Was habe ich über mich selbst gelernt?
– Was wurde durch das Loslassen für mich möglich?
Aus psychologischer Sicht sind solche Erfahrungen besonders wertvoll. Überzeugungen verändern sich oft nicht allein durch neue Erkenntnisse, sondern durch Erfahrungen, die bisherigen Annahmen widersprechen.
Fazit: Weniger Kontrolle, mehr Wirkung?
Die grösste Herausforderung von Selbstführung besteht vielleicht nicht darin, mehr Kontrolle zu gewinnen, sondern bewusst zu entscheiden, worauf wir unsere Kontrolle überhaupt richten. Wer jede Aufgabe festhält, übernimmt nicht automatisch mehr Verantwortung. Oft bindet er lediglich Ressourcen, die an anderer Stelle mehr Wirkung entfalten könnten.
Delegation und Loslassen bedeuten deshalb nicht weniger Verantwortung, sondern einen bewussteren Umgang damit. Wer lernt, zwischen notwendiger Verantwortung und unnötiger Kontrolle zu unterscheiden, schafft Raum für Entwicklung, Lernen und nachhaltige Leistungsfähigkeit – bei sich selbst und bei anderen.
Literatur
Bandura, A. (1997). Self-Efficacy: The Exercise of Control. Freeman.
Beck, J. S. (2012). Cognitive Behavior Therapy: Basics and Beyond. Guilford Press.
Covey, S. R. (2024). The 7 Habits of Highly Effective People. Simon & Schuster.
Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2000). The“ what“ and“ why“ of goal pursuits: Human needs and the self-determination of behavior. Psychological inquiry, 11(4), 227-268.
Kahneman, D., & Tversky, A. (1979). Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk. Econometrica, 47(2), 263–291.
Manz, C. C. (1986). Self-leadership: Toward an expanded theory of self-influence processes in organizations. Academy of Management review, 11(3), 585-600.
Processes in Organizations. Academy of Management Review, 11(3), 585–600.
Moran, A. P. (2012). Concentration: Attention and Performance. In S. Murphy (Ed.), The Oxford Handbook of Sport and Performance Psychology (pp. 117–130). Oxford University Press.
Neck, C. P., & Houghton, J. D. (2006). Two decades of self‐leadership theory and research: Past developments, present trends, and future possibilities. Journal of managerial psychology, 21(4), 270-295.
Skinner, E. A. (1996). A Guide to Constructs of Control. Journal of Personality and Social Psychology, 71(3), 549–570.
Zimmerman, B. J. (2000). Attaining Self-Regulation: A Social Cognitive Perspective. In M. Boekaerts, P. R. Pintrich, & M. Zeidner (Eds.), Handbook of Self-Regulation (pp. 13–39). Academic Press.
Die Autorin
Name: Ronja Barelli
Beruf: MSc Psychologin, Dozentin an der IPC & SMAK und COO & Coach bei The Culture Trail
Website: www.theculturetrail.com
Motto: «Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, dann ist es der Glaube an sich selbst.»
Ronja Barelli bringt als Dozentin und Mitarbeiterin im Entwicklungsteam frische Perspektiven aus der Psychologie und dem Bergsport mit. Durch ihr Studium sowie vielfältige praktische Erfahrungen – vom Outdoor-Guide bis zur Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin – vereint sie theoretisches Know-how mit fundierter Feldkompetenz. Der Fokus auf Bewegung, mentale Prozesse und persönliche Entwicklung spiegelt sich auch in ihrer laufenden Weiterbildung zur Fachpsychologin für Sportpsychologie wider. Ihr Interesse gilt dem Zusammenspiel von Körper und Geist; und dem Ziel, Menschen dabei zu unterstützen, ihre mentale Stärke ebenso bewusst zu trainieren wie ihre körperliche. Dabei ist es ihr wichtig, mit Klarheit, Wertschätzung und Praxistauglichkeit zu begleiten.


