Über Zielsetzung, Motivation, Volition und den ersten Schritt

Vor ein paar Wochen war ich mit dem Auto unterwegs und hörte einem spannenden Podcast zu. Es ging um das Thema Performance im Beruf oder Sport. Da hat ein Professor sehr emotional und sichtlich gerührt von einem Gespräch zwischen ihm und seinem schwer kranken Vater und von seinem persönlichen Rubikon-Moment erzählt. Rubikon? Ja, genau das habe ich mich auch gefragt und bin dann am Abend unmittelbar im Internet recherchieren gegangen. So bin ich dann auf das Rubikon-Modell der vier Handlungsphasen gestossen und dieses Modell ist jetzt zentraler Bestandteil meines heutigen Blogbeitrages.

Der Rubikon – die Geschichte

Aber woher stammt der Begriff Rubikon? Der Rubikon (ital. Il rubicone) ist ein kleiner Fluss, der südlich von Ravenna in die Adria mündet und aufgrund seiner Geschichte einer Metapher zur Grundlage dient. Die Geschichte geht in der Kurzfassung etwa so:

Im Jahr 49 vor Christus stand Julius Cäsar vor der ganz grossen Frage, ob er, um der Entmachtung durch den römischen Senat zuvorzukommen, einen Staatsstreich anzetteln sollte. Er entschied sich schlussendlich dafür, den Rubikon, den Grenzfluss zwischen Gallia Cisalpina und Rom zu überqueren. Dies war für ihn der „Point of no Return“ wie man auf Neudeutsch so schön sagt. In diesem Moment gab es für ihn und seine Legion, kein Zurück mehr. Es gab für ihn kein Überlegen, ob dies nun die richtige Entscheidung war. Die ganze Konzentration und jegliches Handeln richtete sich nur noch darauf, wie er sein Ziel erreichen und diesen Bürgerkrieg gewinnen kann (Baumgärtner et al., 2016, S.99 – 101). Der Kern dieses geschichtlichen Hintergrundes ist also, wenn ich mich einmal für ein Ziel entschieden habe, wenn ich aus der motivationalen Phase übergegangen bin in die Phase nach der Entscheidung, dann verändert sich im Grunde meine gesamte Haltung, meine gesamte Informationsvorbereitung. Die ganze Konzentration und jegliches Handeln ist nur noch auf das Ziel gerichtet.

Das Rubikon-Modell

Im Rubikon-Modell der Handlungsphasen wird der Handlungsverlauf in vier Phasen eingeteilt.

  • Abwägungsphase (Prädezisionale Phase): Die erste Phase unterliegt der Motivation. Es werden Ziele definiert und anschliessend abgewogen, welche Ziele realisierbar sind. Die Konzentration wird auf die Ziele gerichtet, die sich am ehesten umsetzen lassen. Das Ende dieser Phase ist vergleichbar mit Cäsars Überquerung des Rubikons – die Entscheidung, ein Ziel zu erreichen, ist gefallen
  • Planungsphase (Präaktionale Phase): Diese Phase beinhaltet die Planung der Zielerreichung. Hier versucht der Mensch Antworten zu finden auf die Frage, wie mit möglichst geringem Aufwand das Ziel erreicht werden kann. In dieser Phase findet der Übergang von Motivation zu Volition statt – es wird versucht, die Motivation aufrecht zu erhalten, um das Ziel zu erreichen.
  • Handlungsphase (Aktionale Phase): In dieser Phase wird all das umgesetzt, war zur Zielerreichung führt.
  • Bewertungsphase (Postaktionale Phase): Im letzten Schritt reflektiert eine Person über den Ablauf des Prozesses. Es findet ein Soll-Ist-Vergleich statt: Wurde das Ziel in dem Masse erreicht, in dem es definiert wurde?

Die erste und letzte Phase unterliegen dem Prinzip der Motivation. In der zweiten und dritten Phase hingegen steht die Volition / der Wille im Vordergrund – es geht um die bewusste und willentliche Umsetzung der Ziele per se (Baumgärtner et al., 2016, S.99 – 101).

Zusammenfassend kann man also sagen, das Rubikon-Modell zeichnet sich dadurch aus, dass es den gesamten Prozess einer Handlung, mit allen motivationalen (bin ich motiviert?) und volitionalen Prozessen (habe ich das Durchhaltevermögen und den Willen?) versucht zu beschreiben. Es macht sehr gute Vorhersagen menschlichen Verhaltens und es gibt solide empirische Unterstützung für dieses Modell. Insbesondere für die Kernthese, dass die Informationsverarbeitung, nach der Entscheidung für das, was ich machen möchte, sich verändert. Jegliches Handeln richtet sich nur noch auf das gesetzte Ziel. Konzentration. Fokus.

Ein starkes Ziel und der erste Schritt

Eine zentrale Zutat für das Erreichen unserer Ziele heisst Motivation. Den Begriff Motivation kennen wir aus der Alltagssprache. Wir beschreiben damit das Bestreben eines Ist-Zustandes hin zu einem bestimmten Soll-Zustand zu verändern.

Motivation ist also die Kraft, die uns antreibt, bestimmte Dinge zu tun. Sie ist damit mitverantwortlich, dass wir ein Ziel, das wir uns gesetzt haben, auch tatsächlich erreichen. In meinen Begleitungen als Coach und betrieblicher Mentor arbeite ich gerne mit der sog. Motivationsformel. Mit der Formel Erwartung x Wert lässt sich die Stärke der Motivation beschreiben. Die Erwartung bezieht sich auch die subjektive Einschätzung, ob ich es mir zutraue, mit einem bestimmten Verhalten, ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Der Wert ist die Bedeutung, die das Ziel für mich hat. Dabei sind zwei Aspekte wichtig. Wenn das Ziel einen hohen Wert hat, kann dies eine niedrige Erwartung kompensieren. Ich bin also trotzdem motiviert. Gleiches gilt auch umgekehrt. Wenn der Wert tief ist, die Chance aber hoch ist, das Ziel zu erreichen. Wenn die Erwartung, das Ziel zu erreichen gleich Null ist, kann der Wert eines Ziels noch so hoch sein. Ich werde dann keine Motivation aufbringen, das Ziel zu erreichen. Gleiches gilt, wenn ich die Erwartung habe, ein Ziel zu erreichen zu können, aber der Wert meines Zieles gleich Null ist.

Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass es manchmal nicht ausreicht, einfach nur motiviert zu sein. Trotz teilweise sehr hoher Motivation reicht es manchmal nicht aus, die Absicht in die Tat umzusetzen. Was fehlt ist dann vielleicht die Volition – das Durchhaltevermögen und der Wille – den nächsten Schritt zu machen. Das Rubikon-Modell ist hier eines der prominentesten Modelle, zumindest im deutschsprachigen Raum, in dem sowohl Motivation als auch Volition berücksichtigt werden.

Aber wir können es schlussendlich drehen, wie wir wollen. Erfolge beginnen immer mit einem starken Ziel und mit dem ersten Schritt, dem entscheidenden Schritt über den Rubikon.

So wie anno 49 vor Christus, als Julius Cäsar den Rubikon (ital. Il rubicone) überquerte und seine Worte von damals hallen auch heute noch nach:

„Alea iacta est“ – „die Würfel sind gefallen“.

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Der Autor

Name: Michele Bergantino

Beruf: Betrieblicher Mentor, Dipl. Mental Coach, Dipl.  Autogener Trainer

Website: bergreich-coaching.ch

Motto: «Wenn es einen Glauben gibt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft!»

Ausbildnerin: Zertifikat Mentales Training im Sport, Diplom Autogenes Training

Nach jahrelanger Erfahrung als Kundenberater in der Finanzbranche, entschied er sich einen neuen Weg zu gehen und die Unternehmung BergReich-Coaching zu gründen. Er begleitet Menschen in ihren persönlichen Themen und dies bereitet ihm viel Freude. Coach zu sein ist für ihn nicht nur ein Beruf, sondern seine Berufung. Aus genügend eigenen Erfahrungen weiss er, dass das Leben aus einem Auf und Ab besteht und genau deshalb hat es ihn dazu bewegt diesen neuen Schritt zu wagen.