Das Geheimnis, offen zu sein – Die Kunst der Selbstführung für klare Kommunikation

In einer Welt voller Worte scheint Kommunikation oft zu bedeuten, schnell zu reagieren, zu argumentieren oder zu erklären. Wer etwas zu sagen hat, soll dies möglichst klar und überzeugend tun. Doch echte Verbindung und Lernen entsteht häufig nicht durch das Sprechen – sondern durch das Zuhören.

Offen zu sein bedeutet, dem Gegenüber Raum zu geben. Ohne sofort zu bewerten, zu korrigieren oder bereits innerlich die eigene Antwort vorzubereiten. „Genau hier beginnt die Kunst des stillen Zuhörens – indem wir unser eigenes Sprechen zurückstellen.“

Während ich mich mit diesem Thema beschäftigte, erinnerte ich mich an eine Geschichte aus dem Buch „Der kleine Buddha auf dem Weg zum Glück“ von Claus Mikosch (Verlag Herder GmbH, 2020). In vielen kurzen Erzählungen begleitet der Autor den kleinen Buddha auf seinem Weg zu mehr Erkenntnis und innerer Reife. Eine dieser Geschichten trägt den Untertitel „Vom Geheimnis, offen zu sein“.

Der kleine Buddha hört auf seinem Weg eine Geschichte, die ihn nachdenklich macht. Sie handelt von einem Professor, der auf einem Schiff über das Meer reist. Der Professor ist sehr stolz auf sein Wissen und überzeugt davon, dass ein Leben nur dann wirklich sinnvoll ist, wenn man über umfassende Kenntnisse in Mathematik, Geografie und Biologie verfügt.

Während der Reise kommt er immer wieder mit dem Kapitän und der Besatzung ins Gespräch. Der Professor stellt ihnen Fragen zu verschiedenen Wissensgebieten. Als einige von ihnen diese Fragen nicht beantworten können, erklärt er selbstzufrieden, dass sie durch ihr Unwissen einen grossen Teil ihres Lebens vergeudet hätten.

Mit jedem Gespräch fühlen sich der Kapitän und seine Besatzung unsicherer und unwissender – schon fast deprimiert. Der Professor spricht weiterhin viel, hört jedoch kaum wirklich zu oder fragt selbst nach. Vielmehr nutzt er die Gespräche, um sein eigenes Wissen zu präsentieren und seine Überlegenheit zu bestätigen. Seine Aufmerksamkeit gilt vor allem sich selbst.

So sehr ist er mit sich und seinem Wissen beschäftigt, dass er etwas Entscheidendes übersieht: die Möglichkeit, anderen Menschen Fragen zu stellen und wirklich zuzuhören. Bis zu dem Moment, als das Schiff zu sinken beginnt, alle über Bord gehen müssen und an Land schwimmen sollen. Der Professor ruft verzweifelt: „Ich kann nicht schwimmen!“ Der Kapitän und die Besatzung helfen ihm, und alle kommen, dank dem Wissen, der Erfahrung und der Hilfsbereitschaft der Crew heil an Land.

!Wie kann man nicht schwimmen gelernt haben – fast hat er sein Leben vergeudet!

Warum erzähle ich das?

Aus meiner Sicht übersieht der Professor nicht nur die Bedeutung des Zuhörens, sondern auch die Chance, seinen eigenen inneren Dialog zu hinterfragen.

Denn genau hier beginnt Selbstführung.

Bevor wir klar mit anderen kommunizieren können, lohnt sich ein Blick nach innen. Wie wir mit uns selbst sprechen, beeinflusst massgeblich, wie und ob wir anderen zuhören und wie wir auf sie reagieren. Wenn unser innerer Dialog laut ist – voller Bewertungen, Annahmen oder bereits formulierter Antworten – bleibt wenig Raum für echtes Zuhören.

Der kleine Buddha erkennt darin eine wichtige Erkenntnis: Wahre Offenheit entsteht nicht allein durch Wissen, sondern durch Präsenz.
Der kleine Buddha kann dabei als Symbol für den inneren Beobachter verstanden werden. Für jenen Teil in uns, der einen Schritt zurücktritt und wahrnimmt, was gerade geschieht – in uns selbst und im Gespräch mit anderen. Dieser innere Beobachter bewertet nicht sofort. Er hört zu, ordnet Gedanken und schafft einen Moment der Klarheit, bevor Worte entstehen.

Gerade in Gesprächen zeigt sich, wie herausfordernd diese Haltung sein kann. Während unser Gegenüber spricht, arbeitet unser Inneres oft schon an der nächsten Reaktion. Wir formulieren Antworten, suchen Argumente oder vergleichen das Gesagte mit unseren eigenen Erfahrungen.
Still zuzuhören bedeutet deshalb, diesen inneren Prozess bewusst wahrzunehmen und einen Moment innezuhalten. Es bedeutet, wirklich präsent zu bleiben – bei dem, was gerade gesagt wird.

Der kleine Buddha würde in einer solchen Situation vermutlich einfach ruhig dasitzen. Er würde beobachten, zuhören und den Moment wirken lassen. Genau darin liegt seine Stärke: Er reagiert nicht sofort. Er nimmt zuerst wahr.

Diese Haltung ist ein wesentlicher Teil von Selbstführung. Wer den eigenen inneren Dialog erkennt und ordnen kann, schafft Raum für Klarheit. Und aus dieser Klarheit entsteht eine Kommunikation, die aufmerksam, respektvoll und verbindend wirkt.

Vielleicht liegt das Geheimnis, offen zu sein, genau darin: zuerst den eigenen inneren Dialog zu verstehen – und dann wirklich zuzuhören.

„Gehe mit offenen Ohren durch die Welt, damit du hörst, was das Leben dir sagen will“
(Der kleine Buddha auf dem Weg zum Glück, S. 28)

Die Autorin

Corinne Brunner

Name: Corinne Brunner

Beruf: Betriebliche Mentorin / Mental Coach

Website: mentalcoach4you.com

Motto: «Unus pro omnibus, omnes pro uno – Einer für alle – alle für einen»

Dieser Leitsatz steht für Corinne als Privat- und Geschäftsfrau an oberster Stelle und symbolisiert ein Team, den Zusammenhalt und ein konstruktives Miteinander. Ein Team im Aussen ist jedoch temporär, und die Konstellation und Intensität verändert sich laufend. Das Team im Innen, also in uns Menschen, haben wir als Wegbegleiter immer bei uns, sagt sie. Es hilft uns, Entscheidungen zu treffen, uns zu warnen und manchmal treibt es uns auch an, neue Wege zu gehen. Corinne’s grosse Erfahrung in der Arbeit im Gesundheitswesen, aus der Praxistätigkeit als eidg. Betriebliche Mentorin und als Dipl. Mental Coach, befähigt sie, Menschen in ihrem Entwicklungsprozess tagtäglich zu begleiten. Was Menschen alles rührt und regt zu erleben, ist ein Privileg, und sie geht damit mit viel Wertschätzung und Sorgfalt um. Mit einem gestärkten Team ist vieles und noch mehr möglich.